freiStil – Neues von Clean Feed


By Bertl Grisser

Jazzkunsthandwerk

Santos Silva / Zetterberg / Lindwall – If Nothing Else
In der Pariser Kirche du Saint-Esprit ging diese Aufnahme über die Bühne, und im Grunde ist der Kirchenraum mit seiner speziellen Akustik so etwas wie der vierte Mitspieler und trägt wesentlich zur besonderen Klangwirkung des Gebotenen bei. Susana Santos Silva an Trompete und Cornett, Torbjörn Zetterberg am gestrichenen und gezupften Kontrabass und Hampus Lindwall an der Orgel bieten auf if nothing else atmosphärisch dichte Improvisitationen, im Gestus von gravitätisch voranschreitend bis hin zu lebhafterer Bewegung. In einigen der Stücke bilden breit Akkordisches und weite Cluster der Orgel (deren Breite in Klang und Tonumfang leidlich ausgenützt wird) das Fundament für entspannte Aktion und Interaktion zwischen Gebläse und Bass. Stets gelingt es dabei, Spannung zu erzeugen und auch zu halten; schön, wie sich die einzelnen instrumentalen Stimmen aneinander reiben. Diese akkordischen Flächen werden aber auch schon einmal bis zum kurzen Anschlag verdichtet, und auch aufgelockertes Aufeinanderlospielen, unter Einbeziehung der Orgel als Linienlieferantin, findet seinen Platz. Interessant, stimmungsvoll und intensiv.

Left Exit, Mr. K Featuring Michael Duch & Klaus Holm
Mr K sind an sich ja ein Imrovisations-Duo, bestehend aus dem Saxofonisten Karl Hjalmar Nyberg und dem, auch Streichinstrumente bedienenden Schlagzeuger Andreas Skår Winter. Für left exit hat man sich zusätzlich Klaus Ellerhusen Holm an Saxofonen und Klarinette sowie den Bassisten Michael Francis Duch eingeladen, um zu viert verschiedene Aspekte instrumentalen Improvisierens zu erforschen. Umfangreicher Gebrauch wird dabei von sogenannten erweiterten Spieltechniken gemacht. An den Hörnern, beispielsweise, befleißigt man sich unter anderem nicht traditioneller Ansatztechniken, false fingerings, Überblasetechniken, der Zirkularatmung, leerem Durchblasen, und ebenso stehen alternative Herangehensweisen an die anderen Instrumente hoch im Kurs: Es ensteht eine sich häufig in Obertönen, Geräuschaftem, auch Mikrotonalem, bewegende Musik, die nur ab und zu auch ein wenig konventionellere Elemente enthält, aber stets einem vor allem vom Texturalen (auch Kangfarblichen) geprägten Ansatz verpflichtet bleibt. Charakteristisch sind weiter ausgehaltenene, oft wiederholte klangliche Strukturen, die sich nach und nach, gewissermaßen mutierend, verändern. Es entsteht immer wieder der Eindruck eines langsamen, ja zähen, Voranschleppens, Aneinanderreibens, dem allerdings durchaus Intensität – ein bestimmtes Glühen – innewohnt. Konzentriertes Hören offenbart dann auch die Vielfalt der hervorgebrachten Klangwelt; für weitere Abwechslung sorgt ferner z.B. ein lebhafter Kürzelaustauch der Bläser über äußerst getragen dahinschreitendem Kontrabassfundament im siebten der gebotenen zehn Stücke. Durchwegs vermag besonders der unglaublich geschlossene Ensembleklang hervorzustechen – beeindruckend! Sehr sperrig, aber spannend und reizvoll.

De Beren Gieren – One Mirrors Many
De Beren Gieren nennt sich ein belgisches Klaviertrio (Fulco Ottervanger, p; Lieven Van Pée, b; Simon Segers, dr), das antritt, dieses traditionelle Jazzformat mit frischem Wind und Ideen zu erfüllen, und erweitert seine instrumentale Palette auf one mirrors many streckenweise um elektronische Hilfsmittel. Das Gebotene ist nicht nur von unterschiedlichen Aspekten aus der Jazztradition und -gegenwart beeinflusst, sondern auch von der europäischen Musiktradition vom Barock bis zur (eher frühen) Moderne sowie von elektronischer Popularmusik. Ausgegangen wird oftmals von einfachen Motiven, wesentlich eingesetzte Mittel sind etwa die der Repetition und, zur Entwicklung, die der Variation. Dabei wird massiv, und häufig recht direkt, auf genannte stilistische Einflüsse zurückgegriffen – manchmal mehr, manchmal weniger subtil. Obwohl absolut gekonnt exekutiert, bleibt mir das Ganze doch allzu oft im Fragmentarischen stecken. Obwohl nicht vollständig uninteressant, muss doch konzediert werden, dass dem Ganzen leider etwas das Feuer fehlt.

Snik – Metasediment Rock
Ein, gerade auch stilistisch, breit gefächertes Jazz-Vokabular bringt das norwegische Quartett Snik (Kristoffer Kompen, tb; Kristoffer Berre Alberts, s; Ole Morten Vagan, b; Erik Nylander, dr) auf metasediment rock zur Anwendung. Von traditionellerem Jazz bis hin zu texturalen Elementen, wie sie für die frei improvisierte Musik typisch sind, reicht die Palette – wobei der Schwerpunkt eindeutig auf Konventionellerem liegt. Kompositorisches spielt dabei auch eine wesentliche Rolle; die umfangreich präsentierten, hin und wieder auch einmal recht zerklüfteten Themen werden gerne im Unisono von Posaune und Saxofon vorgetragen (dies erweckt Assoziationen an die Altmeister Coleman und Cherry); die meist eher kurz gehaltenen Solo-Improvisationen sind häufig stark thematisch orientiert, auch ein Beispiel modalen Improvisierens ist zu hören. Tempo- und Rhythmuswechsel sind ebenso ein gern eingesetztes Stilmittel. Die beteiligten Musiker beherrschen ohne Zweifel ihr Handwerk, auch am Zusammenspiel gibt es grundsätzlich nichts auszusetzen. Aber: Unterm Strich ist dies leider nicht viel mehr als eine dieser, vielfältige Einflüsse verarbeitenden zeitgenössischen Jazz-Platten, auf hohem handwerklichen Niveau, von denen es aber doch viele gibt.

Benoît Delbecq 3 – Ink
Hochklassigen zeitgenössischen Jazz bringt Benoit Delbecq 3 auf der Veröffentlichung ink zu Gehör. Die komplexen, durchwegs von Delbecq selbst stammenden Kompositionen, werden auf fragile, luftige Weise, aber dennoch mittels eines von dichter und präziser Interaktion bestimmten Spielansatzes zum Leben erweckt. Die drei Protagonisten agieren dabei hochkonzentriert und auf höchstem Niveau. Geschickt setzt Pianist Delbecq mit der Linken gewitzte rhythmische Akzente, lässt viel Raum und in seinen Linien Funktionsharmonisches weit hinter sich, spielt aber gewissermaßen indirekt immer wieder auf tonale Zusammenhänge an: eine höchst originelle, individualistische und erfrischende Stimme am Klavier. Der kongolesische Schlagzeuger und Perkussionist Emile Biayenda fasziniert mit äußerst vertrackten Grooves und seinem farbigen Spiel. Für mich eine absolute Entdeckung. Auch Bassist Miles Perkin kann durchwegs beeindrucken. Eine sehr anspruchsvolle, hervorragende Einspielung eines großartigen Trios: Wirkliche Spitzenklasse und daher wärmstens zu empfehlen.

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